Das Projekt der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, den Kölner Moscheen den Muezzin-Ruf zum Freitagsgebet in einer zweijährigen Testphase ab sofort zu gestatten, hat sehr kontroverse Debatten ausgelöst. Und das ist auch gut so. Man kann es zwar einfach machen und argumentieren, es sei eine Frage des Respekts gegenüber dem Islam und sei ein Zeichen von Vielfalt und Weltoffenheit in Köln, denn es gebe ja auch christliche Kirchen. Doch so wird man dem Thema nicht gerecht, da seine politischen Implikationen völlig ausgeblendet werden. Auffällig ist, dass vor allem kritische Muslime, darunter Menschen, die in islamisch-totalitären Regimen wie dem Iran verfolgt wurden und nach Deutschland geflohen sind, den Kölner Plan rigoros ablehnen.

Viele sehen hier eine Anbiederung an den politischen Islam, konkret an die Ditib, die unter anderem die Zentralmoschee in Ehrenfeld betreibt. Die Ditib, türkisch-islamische Anstalt für Religion e. V., steht unter der Regide des islamistischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan, der für Toleranz gegenüber andersglaubenden oder -lebenden Menschen, für Gleichberechtigung von Mann und Frau, nichts übrighat. Vielmehr steht er für Intoleranz, also das Gegenteil von Vielfalt, für Diskriminierung von Homosexuellen und sogar Antisemitismus. 

Unvergessen ist die Erdogan-Show, die bei der Eröffnung der Zentralmoschee vor drei Jahren zu bewundern war. Der türkische Präsident schwang triumphale Reden, und der frühere Kölner OB Fritz Schramma, der sich für den Bau der Moschee engagiert hatte, war nicht einmal eingeladen. Ein öffentlicher Muezzin-Ruf beim Freitagsgebet könnte in diesem Ambiente als eine weitere Machtdemonstration des Islam gefeiert werden.

Mit Kirchengeläut ist der Muezzin-Ruf auf keinen Fall gleichzusetzen. Es handelt sich nicht um ein akustisches Signal, das Gläubige an eine Gebetszeit erinnert, sondern um eine deutliche religiöse Botschaft: Auf Arabisch wird darauf hingewiesen, dass Allah der Größte sei (Allahu Akbar) und es keinen anderen Gott außer ihm gebe. Die baden-württembergische CDU-Politikerin Birgül Akpinar sieht darin eine Verkündung des „Machtanspruchs des islamischen Glaubens“ und folgert: „Mehr Religion im öffentlichen Raum bedeutet nicht Vielfalt, sondern mehr Konfliktpotenzial.“ Wozu also der Muezzin-Ruf? Auch ohne ihn wird kein Muslim in der im Grundgesetz garantierten individuellen Ausübung seines Glaubens eingeschränkt. Auch ohne ihn bleibt Köln eine weltoffene und liberale Stadt, die so weitblickend ist, sich keine unnötigen Probleme aufzuladen.