Innenstädte veröden: Was ist zu tun?

In unseren Stadtzentren und Fußgängerzonen herrscht Tristesse. Aufgrund des zweiten Corona-Lockdowns sind die Geschäfte und Restaurants, Bars und Cafés geschlossen. Niemand flaniert gern durch Straßen, in denen sich ein leeres Geschäft ans nächste reiht. Leider wird es nicht bei temporären Schließungen bleiben, viele Betriebe werden die Krise nicht überleben werden. 

Der Strukturwandel im Handel, der viele Ursachen und Gründe hat, war schon vor Corona im vollen Gange, und er ist durch den Shutdown dramatisch beschleunigt worden. Der Handelsverband Deutschland sieht ein akutes Insolvenzrisiko für etwa 50.000 Geschäfte mit mehr als 250.000 Beschäftigten. Es droht nicht nur der Verlust vieler Arbeitsplätze, sondern auch die Verödung der Innenstädte und Zentren. 

Und dem muss die Politik entgegenwirken: Unser Ziel muss es sein, Zentren vital zu erhalten. Denn sie sind die Lebensadern unserer Städte und Viertel, Begegnungsforen und Aushängeschilder, die Wohnorte lebenswert und attraktiv machen. Bundesweit einzigartig ist das landeseigene 70-Millionen-Euro aus Nordrhein-Westfalen „Sofortprogramm Innenstadt“ zur Stärkung unserer Innenstädte und Zentren. Hier ermöglicht die NRW-Landesregierung den Städten und Gemeinden, rasch zu handeln, neue Wege zu beschreiten und Perspektiven zu entwickeln.

Die Dritte Welle ist angekommen

Doch damit ist es nicht getan. Wir benötigen dringend einen entsprechenden Aufbaufonds der Bundesregierung. Denn es brennt überall im Land, die dritte Welle ist in den Innenstädten bereits angekommen. Ich würde 20 Milliarden Euro als Sondervermögen „Innovationsraum Innenstadt“ über vier Jahre veranschlagen, denn es gibt sehr, sehr viel zu tun. Es geht nicht nur darum, bestehende Betriebe zu stärken. Wir müssen auch neue Wege gehen, unsere Innenstädte neu erfinden, um unsere sie fit für das digitale Zeitalter zu machen, angepasst an die neuen Ansprüche und Erwartungen der Menschen.

Der Plan hat vielen Facetten, hier sind einige Punkte:

Die conditio sine qua non ist ein digitales Leerstandskataster, das die Kommunen gemeinsam mit IT-NRW auf dem Weg zu einem Management der verfügbaren Immobilien aufbauen sollten. Ein Überblick mit einer Datenbank aller Handelsflächen versetzt Städte und Landkreise in die Lage, Konzepte für eine neue Nutzung zu entwickeln, alle Akteure digital zu vernetzen und somit den Leerständen und der Verödung entgegen zu wirken.

Nutzungsänderungen müssen viel schneller und ohne langwierige Bürokratie möglich gemacht werden. So könnten beispielsweis obere Geschosse leerstehender Immobilien in Parkraum, Wohnraum, Seniorenheime oder Logistik-Hubs umgewandelt werden. Hier plant NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach bereits mit einer Innovationsklausel substanzielle Änderungen in der Bauordnung, hierfür benötigen wir die Zustimmung des Bundesrats. Unabdingbar sind auch schnellere und digitale Prozesse in den Baubehörden der Kommunen.

Befreiung von Gewerbesteuern

Wir brauchen in jeder Stadt eine professionelle kommunale Wirtschaftsförderung, die alle relevanten Akteure, Handel, Immobilienwirtschaft, Logistik und Verwaltung miteinander vernetzt und gemeinsames Handeln ermöglicht. Innenstadt-Politik ist von zentraler Bedeutung für das Außenbild einer Stadt, sie muss wie Firmenansiedlung in Gewerbegebieten behandelt werden und mehr Ressourcen, Budget und Personal, bekommen. Um der enormen Krise gerecht zu werden, sollten für einen Zeitraum von drei Jahren Tax Free-Zonen ins Auge gefasst werden, also die Befreiung von Gewerbesteuern für alle Gewerbebetriebe in Innenstädten.

Um all dies zu koordinieren, ist es ist notwendig, das Berufsbild des Innenstadt-Managers zu etablieren, der wie bei der Standortpolitik in den Gewerbegebieten die Akteure zusammenbringt. So kann eine klare Vorstellung davon entwickelt werden, wie der Besatz eines Zentrum in der Zukunft aussehen könnte. Dieser City-Manager hat eine der wichtigsten Aufgaben in der Stadt, deshalb sollten wir gemeinsam mit der IHK dieses Berufsbild zertifizieren.

Flexibilität ist gefragt, temporäre Zwischennutzungen leerstehender Geschäftsräume mit kurzfristigen Verträgen sind eine Option: Mietverhältnisse für wechselnde Pop-Up-Stores und Showrooms außerstädtischer Anbieter – zum Beispiel aus dem Bereich der Auto- oder Möbelhäuser sowie Handwerksunternehmen sind genauso denkbar wie Vermietung an Start-up-Unternehmen. Temporär und hybrid.

Trend zu hybriden Online-Offline-Formaten

So kann neues Leben in die Einkaufsstraßen gebracht werden. Es lohnt sich ein Blick in andere Länder. In vielen Metropolen finden sich Beispiele neuer Store-Konzepte, die Kultur, Gastronomie und Einkaufen miteinander verbinden. In New York hat etwa ein angesagter Sneaker-Hersteller eine Geschäft eröffnet. Verkauft werden dort allerdings keine Schuhe, sondern Eiskrem. Der Store dient vor allem als Raum, in dem sich Fans der Marke treffen. Es zeigt sich überhaupt ein genereller Trend: In einem Geschäft suchen Kunden heute nicht erster Linie Waren, denn die gibt es auch im Online-Store. Beim Shopping in der analogen Welt geht es um soziale Kontakte und Erlebnisse, die Amazon und Co. nicht bieten können. Der Trend sind hybride Online-Offline-Formate, Events und Veranstaltungen werden immer wichtiger, um Kunden zu stationär zu begeistern und in allen Kanälen zu binden.

Ein Händler kann seine Events selbst organisieren – oder es besser in Werbe- und Interessengemeinschaften gemeinsam mit anderen koordinieren. Beispiel Köln: Diese wichtige Zusammenarbeit funktioniert bereits in professionellen Interessengemeinschaften in etwa 40 Veedeln, deren Aktivitäten inzwischen sogar durch einen gemeinsamen Dachverein für die ganze Stadt koordiniert werden könnten. Durch Skalierung und Kooperation entstehen Synergien und neue Kraft für die Geschäftsleute vor Ort. Sehr erfolgreich ist unser Projekt der Digital-Coaches in Nordrhein-Westfalen, sie unterstützen die Kaufleute bei der Digitalisierung, und dabei, ihre Angebote modern und online zu präsentieren.

Supermärkte zurück in die Zentren

Bemühen sollten wir uns zudem darum, Supermärkte von den Stadträndern zurück in die Zentren zu holen. Lebensmittel werden immer eingekauft, deshalb sind Supermärkte sichere Frequenzbringer, und davon profitieren auch die anderen Geschäfte. Wir brauchen in den Kreisen und Städten Innenstadt-Gipfel, um mit den betreffenden Konzernen Standorte gemeinsam zu erörtern und diesen Prozess zu fördern und möglich zu machen. 

Ein Problem vieler Geschäftsleute sind starre Mieten für Ladenlokale, die festgelegt wurden, als der Handel noch boomte, in Zeiten der Umsatzverluste aber nicht angepasst wurden. Faire Mieten sind somit das Gebot der Stunde. Auch hier können kommunale Wirtschaftsförderungen moderierend mithelfen, einen zeitgemäßen Besatz in den Innenstadtlagen zu organisieren.

Wir brauchen Mut und Ideen. Die Städte und Kommunen müssen Leitbilder entwickeln, Pläne, die beschreiben, wie sie in Zukunft aussehen wollen. Innenstädte müssen die Marktplätze unserer Gesellschaft, Begegnungs- und Kommunikationsforen bleiben. Ihre Entwicklung muss gemeinsam von allen Akteuren vorangetrieben und gefördert werden.