Der Begriff der „Smart City“ ist gerade sehr in Mode und eifrige Berater stellen reihenweise mutmaßlich smarte Konzepte und Pilotprojekte für die Stadt von morgen vor. Für mich ist es längst an der Zeit, von der Theorie aus Sonntagsreden und bunten Power Point-Folien in die Praxis überzugehen und die Erkenntnisse sowie innovative Lösungen schneller und radikaler zum Einsatz zu bringen. Nicht nur, aber gerade auch die Corona-Pandemie zeigt uns, dass wir keine Zeit mehr verlieren dürfen. 

Digitale Infrastruktur als Fundament: Mit den vorhandenen Daten und intelligenten Lösungen die Stadt lebenswerter gestalten

Wir brauchen in Köln nicht nur flächendeckendes W-Lan, sondern ein echtes Fundament digitalisierter Infrastruktur. Darauf können LTE, WiFi und 5-G gedeihen und die Stadt, Bürger und Firmen in die Lage versetzt werden, digitale Leistungen abzurufen und selbst anzubieten. Wir müssen unserem Gemeinwesen zumindest so viel Vertrauen schenken wie Google oder Facebook, damit wir die erhobenen Daten im öffentlichen Raum nutzen und verwenden können. Der Sinn einer Smart City ist es, mit den vorhandenen Daten und intelligenten Lösungen die Stadt lebenswerter und das Leben der Menschen besser zu gestalten. Smart City können wir sowohl im der städtischen Mobilität, im Gesundheitswesen als auch bei nachhaltiger Stadtplanung und ressourcenneutralen Neubauquartieren realisieren.

Mobilität in der Stadt: Daten im öffentlich Raum per Sensoren nutzen, um Parkplatzsuche, Verkehrsfluss und Anschlüsse im ÖPNV zu verbessern 

Wir können sehr zügig konkrete Maßnahmen umsetzen, indem wir in Köln im öffentlichen Raum Sensoren einsetzen und so die Millionen an anonymen Verkehrsdaten zu nutzen im Stande sind. Damit können wir je nach Verkehrsaufkommen Signale bei der KVB und Ampelschaltungen optimiert steuern. Wir können die verschiedenen Verkehrsträger besser aufeinander abstimmen: Wenn ein Bus weiß, dass eine Anschlussbahn eine Minute später als geplant kommt, dass genau 15 Leute mit ihm fahren wollen, kann er seine Fahrt verlangsamen oder an der Haltestelle warten. 

Für Köln haben wir mit der Konkurrenz um die Flächen eine große Herausforderung: Durch Nutzung von Verkehrsdaten und Parksensoren können wir nicht nur freie Parkplätze anzeigen und somit den Parksuchverkehr reduzieren. Man kann Parkzonen zwischen Kunden und Anlieferern smarter und besser trennen und deren Nutzung vorher preislich gestaffelt digital buchbar machen. Die Funktion der Sensoren kann auch umgekehrt genutzt werden, so dass Parkverbotszonen überwacht und Falschparker an sensiblen Orten gemeldet werden. Parksensoren können auf diese Art sogar Leben retten, indem sie etwa garantieren, dass die Feuerwehr keine wertvollen Minuten verliert, da ein Auto eine Zufahrt blockiert. 

Daten können Leben retten: Smart-Home -Anwendungen sind hilfreich für ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter

Eine smarte Stadt kann mit ihrer Infrastruktur auch hilfreich für eine künftige Gesundheitspolitik sein. Denn in Verbindung mit Smart-Home -Anwendungen kann sie ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter ermöglichen. Gesundheitswerte könnten beispielsweise automatisch an den Hausarzt übermittelt werden, wenn ein Grenzwert über- oder unterschritten wird, Rezepte können digital ausgestellt werden und das virtuelle Krankenhaus kann in Echtzeit digital mit den Hausarzt-Praxen kommunizieren.  Daten können Leben retten.

Digitaler Zwilling: Ein früh eingesetztes virtuelles Stadtmodell hilft, Auswirkungen von neuen Quartieren auf Verkehr und Mikroklima genau zu simulieren

In Köln sprechen wir zurecht von intelligenter Stadtplanung, deren Ziel der Klimaschutz und die Ressourcenschonung sein muss. Ich möchte, dass der der digitale Zwilling, also ein virtuelles Stadtmodell, früher und tiefer eingreift und es den Planern ermöglicht, die Auswirkungen von neuen Quartieren auf Verkehr und Mikroklima im Vorfeld ernsthaft zu simulieren. Ein Lerneffekt könnte sein, dass wir spezielle Flächen definieren für Handwerker, Pflegedienste oder Lieferverkehre und die von Parkflächen trennen. Alle können so ihre Leistungen schneller und direkter erbringen. Die Stadt Köln ist an kommunalen Unternehmen wie den Stadtwerken beteiligt. Man sollte sich die Leistungsfähigkeit dieser Unternehmen bei der Umsetzung all dieser der Pläne besser zu Nutze machen.

Innovationen bei Neubauquartieren: Moderne Abfallentsorgung und Solaranlagen auf den Dächern als Pflicht

Bei Neubauquartieren müssen wir innovative Konzepte erproben, indem wir neue Kreativflächen, moderne Ideen bei Energieversorgung oder Abfallentsorgung einführen. Solaranlagen auf den Dächern sollten Pflicht werden: Sie können tagsüber den Energiebedarf eines Quartiers decken, die Stromüberschüsse werden mit zusätzlichen Wärmepumpen und -speichern nachhaltig für die ganze Stadt verwendet. Mit der zusätzlichen Sektor-Kupplung und sogenannten „Smart Grids“ können wir in diesen Quartieren in der ganzen Stadt auch die Elektromobilität effizienter ausrollen. Da setzen auch die elektrifizierten Kleinbusse an, die einerseits „On Demand“ und in baldiger Zukunft autonom fahren werden, um in neuen Quartieren wie der Parkstadt-Süd die Mobilitätsnachfrage der Bürger zu befriedigen.

Nicht nur digital, sondern auch nachhaltig: Holz als Baustoff oder die Begrünung von Fassaden erzeugen ein verbessertes Mikroklima

Das Konzept der „Smart City“ beinhaltet jedoch nicht nur digitale Lösungen. Eine intelligente, lebenswerte Stadt ist auch nachhaltig. Holz als Baustoff erlebt zurecht gerade eine Renaissance, denn er sorgt dafür, dass gebundenes CO² auch gebunden bleibt. In Tokio wurde gerade ein 350 Meter hoher Wolkenkratzer nur aus Holz fertiggestellt. Glas- und Betonfassaden sind out, in vielen smarten Städten werden ganze Gebäude begrünt. Das sieht nicht nur besser aus, es sorgt auch für ein besseres Mikroklima und mehr Frische im heißen Sommern. In Zeiten des Klimawandels bedeutet das vor allem eine Verbesserung der Lebensqualität der Menschen in urbanen Räumen. Auch dieser Vorteil ist leicht nachvollziehbar. In Köln gibt es in dieser Hinsicht viel zu tun, denn die Innenstadt ist leider von Beton und Stein dominiert.

Das Fazit: Die Zeit der Pilotprojekte ist vorbei, konkrete Konzepte für smarte Stadtentwicklung müssen unser Ziel sein

Für mich ist „Smart City“ kein sinnleerer Modebegriff, sondern der Ansatz, Städte klimafreundlicher, sicherer, sauberer und damit lebenswerter zu gestalten. Die Digitalisierung bietet konkrete, innovative Ideen, wie wir das Leben der Menschen mit Mut und Entschlossenheit besser und nachhaltiger gestalten können. Die Zeit der Pilotprojekte ist vorbei, konkrete Konzepte für smarte Stadtentwicklung müssen unser Ziel sein. Wir müssen politisch weg von Sätzen wie „Man sollte…“ hin zu Lösungen „Wir machen!“.