Pragmatismus statt Angst und Alarmismus – warum wir auf Hendrik Streeck hören sollten

Seit mehr als fünf Monaten befinden wir uns in der Coronavirus-Pandemie, einer für uns alle neuen Situation. Wir haben einiges über den Erreger und die von ihm ausgehende Bedrohung für die Menschen gelernt. Viel hat dazu der Bonner Professor Hendrik Streeck mit seiner besonnenen und fachkundigen Art beigetragen. Seine Arbeiten sind besonders wertvoll, denn der Arzt und Virologe schaut nicht nur durch ein Elektromikroskop auf das Virus, er hat mit seinem Team im Kreis Heinsberg auch praktische Feldforschung betrieben; dort, wo es im Frühjahr in Deutschland den bis dato größten Corona-Ausbruch gab. Es gibt also gute Gründe auf diesen Wissenschaftler, der in den vergangenen Tagen einige Interviews gegeben und auch im NRW-Landtag gesprochen hat. Als Berater unseres Ministerpräsidenten Armin Laschet.

Streeck, der bei seiner Feldforschung unter den Corona Patienten eine Todesrate von 0,37 Prozent errechnet hat, regt zu einen Paradigmenwechsel an – weg von Angst und Alarmismus hin zum Pragmatismus. Sein Credo: Das gefühlte Risiko ist nicht so groß wie das objektivierbare. Wir müssen die Gefahr der Pandemie ernst nehmen, sie aber nicht dramatisieren, denn sie ist kalkulierbar. So sehe ich es auch.

In diesem Sinne sollten wir uns nicht weiter so sehr auf die reinen Infektionszahlen konzentrieren, denn die sind nur bedingt aussagekräftig. Nicht zuletzt sind sie deshalb gestiegen, weil die Anzahl der Tests in den vergangenen Wochen drastisch erhöht worden ist. 

Wichtiger ist, darauf zu blicken, was in den deutschen Arztpraxen, Krankenhäusern und speziell auf den Intensivstationen geschieht. Und dort ist die Lage ruhig. Nur etwa 240 Patienten mit Corona werden in diesen Tagen bundesweit intensivmedizinisch betreut. Im April waren es an manchen Tagen bis zu 3000, aber auch damit kam unser Gesundheitssystem gut zurecht. Streeck schlägt vor, eine Ampel für die Belegung der Intensivstationen einzuführen. Momentan stände sie auf Grün. Falls sie im Herbst oder Winter auf Gelb springen sollte, müsste man regional und zielgenau die Maßnahmen verstärken, um die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Möglicherweise mit einer nationalen Eingreiftruppe. 

Wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt, wird auch davon abhängen, wie sich der Sars-Cov-2-Erreger verändert. Dass das Virus durch die Mutationen harmloser wird, wie einige Studien andeuten, ist laut Streeck allerdings noch nicht belegt.

Klar ist, dass in der kalten Jahreszeit sich mehr Menschen anstecken werden, da sich die Viren dann leichter verbreiten als im Sommer. Bis zu 15.000 positive Tests pro Tag hält der Bonner Virologe für möglich. Aber auch das ist kein Grund zur Beunruhigung, da die Infektionen in sehr vielen Fällen milde oder sogar ohne Symptome verlaufen. Streeck empfiehlt, die Tests nicht mehr en Masse, sondern zielgenau anzuwenden – und zwar in erster Linie bei Personen, die Symptome zeigen und denjenigen, die mit Erkrankten in Kontakt waren. Auch das könnte eine gute Lösung sein.

Ein weiterer Punkt von praktischem Nutzen für die Infektionseindämmung: Die Feldforschung in Heinsberg ergab, dass Ansteckung auch durch Aerosole im Raum erfolgt. Der Einsatz von Hochleistungs-Luftfiltern, die wir in Köln mit Beratung des Gesundheitsamts und des MAGS durchführen wollen, können hier ein Lösungsansatz sein. Für Gastronomie und Veranstalter, die besonders unter den Maßnahmen zur Virusbekämpfung zu leiden hatten und haben.

Und überhaupt brauchen wir innovative und technische Lösungen sowie Pragmatismus, um die Krise zu managen. Wir können nicht untätig verharren und auf einen Impfstoff warten, der noch nicht entwickelt ist – und von dem wir nicht wissen, wie wirksam er sein wird. Vielmehr müssen wir lernen, mit dem Virus umzugehen und zu leben. Mit Vorsicht und Rücksichtnahme auf andere. Aber mit Zuversicht und ohne Angst.