Rettet unsere Veedel!

Der Online-Handel boomt, während unsere Stadtzentren und Veedel immer mehr veröden, da ein kleines Geschäft nach dem anderen schließen muss. Dagegen sollten wir etwas tun, wir brauchen eine Infrastruktur-Abgabe für große Online-Händler und  neue Ladenschluss-Gesetze – eine Streitschrift von Oliver Kehrl.

 

Es ist keine düstere Zukunftsvision mehr, sondern bereits Realität: Unsere Innenstädte leeren sich, immer mehr Geschäftsinhaber geben auf. Gleichzeitig gewinnt der Online-Handel rasant an Marktanteilen. Experten halten es für realistisch, dass, wenn nichts dagegen unternommen wird, bis 2020 in Deutschland rund 50.000 Geschäfte werden schließen müssen. Besonders betroffen sind kleine und mittlere Städte. Und natürlich unsere Veedel, die ja im Grunde nichts anderes als kleine Städte sind.

Wollen wir es wirklich zulassen, dass es in unseren Veedeln demnächst so aussieht wie in den grauen, traurigen Vorstädten der USA, in denen sich nur große Ketten mit einem Standard-Angebot über Wasser halten können? Wollen wir künftig vorbei an leerstehenden Ladenlokalen spazieren? Was geschieht mit den leerstehenden Immobilien? Was mit den Menschen, die ihre Jobs verlieren?

Wahrscheinlich wird der ein oder andere unken, es gehe mir um meine eigenen Interessen als Unternehmer in der Textilbranche. Doch das ist falsch, die Wahrheit lautet: Gerade weil ich die Branche und die Zusammenhänge kenne, möchte und muss ich in der Politik vorangehen und darüber diskutieren, was das Ladensterben aus unseren Städten und unserer Gesellschaft macht. Und darüber, wo wir in Zukunft noch soziales Leben werden genießen können.

Amazon & Co. liefern ihre Pakete zu Tode aus und verstopfen unsere Straßen, zahlen aber kaum Steuern in Deutschland. Der Einzelhandel ist dagegen ein bedeutender und treuer Steuerzahler und in NRW mit rund 700.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber im Land.  Veränderungen durch die Digitalisierung des Einkaufs wollen wir nicht natürlich verhindern, wir können sie aber beeinflussen. Und zwar dadurch, dass wir gleiche Bedingungen schaffen.

Wir müssen auch große Online-Händler in die Verantwortung nehmen, etwas für das Gemeinwohl zu tun. Mein Vorschlag ist eine Infrastruktur-Abgabe von fünf Prozent auf den Umsatz. Die Einnahmen könnten im Bezirk des Bestellers verbucht werden –  analog zur Steuer für Online-Wettanbieter.

Das Geld sollte für die Stadtentwicklung genutzt werden. Denn unsere Zentren müssen Erlebnisräume für die Menschen bleiben, damit sie Spaß daran haben, sich dort aufzuhalten. Sie müssen außerdem dann einkaufen können, wenn sie die Zeit dazu haben. Und hier ist der nächste Punkt, an dem wir ansetzen sollten. Online kann man rund um die Uhr einkaufen, die Geschäfte müssen sich dagegen an Ladenschlusszeiten halten. Wir brauchen mindestens acht verkaufsoffene Sonntage im Jahr, denn immer mehr Menschen haben die Zeit und die Musse und wollen auch gerade als Familie an diesem Tag shoppen.

Die Ladenschluss-Gesetze stammen aus der vor-digitalen Zeit, in der der Online-Handel noch nicht existierte. Sie müssen angepasst werden. In unserer Sonntagsruhe gedeihen heute vor allem Amazon und Co. Für die Beschäftigten im Einzelhandel ist es sicher erträglicher, ab und zu sonntags zu arbeiten, als den Job zu verlieren. Denn das ist die Alternative.

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