Gündogan und Özil – genug gepfiffen, die WM beginnt!

Die Fußball-Weltmeisterschaft, die am 14. Juni in Russland eröffnet wird, ist für mich das Sport-Ereignis des Jahres. Ich bin mein Leben lang Fußball-Fan, seit Jahrzehnten (leidensfähiger) Dauerkarten-Besitzer des 1. FC Köln. Und natürlich hoffe ich, schöne Spiele zu sehen. Und dass sich Joachim Löw und seine Profis den fünften Stern für ihre Trikots verdienen – sprich: dass sie Weltmeister werden.

Ilkay Gündogan und Mesut Özil sind zwei wichtige Spieler dieser Mannschaft. Und ich finde: Man sollte sie nun, wie alle anderen Teammitglieder, unterstützen und nicht mehr auspfeifen, wie es zuletzt geschah.

Unbestritten war es ein schwerer Fehler, dass die beiden türkischstämmigen Spieler Mitte Mai in London für Fotos mit dem Autokraten Recep Tayyip Erdogan posierten. Und es war genauso falsch, dass sie ihn „ihren Präsidenten“ nannten. Beide sind danach vom DFB in einem Akt panischen Krisenmanagements nach Berlin zum Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier beordert worden, und dort haben sie bestätigt, dass sie sich zu 100 Prozent mit der deutschen Mannschaft identifizieren. Das sah alles gequält und erzwungen aus.

Gündogan, der eloquentere der beiden Fußballer, hat zudem erläutert, das Foto sei für ihn kein politisches Statement, sondern eine Geste der Höflichkeit gewesen. Özil, der nie gern viel gesprochen hat, hat lieber geschwiegen. Eine explizite Entschuldigung hätte beiden Nationalspielern gut zu Gesicht gestanden, auch eine deutliche Distanzierung von Erdogan und seiner demokratiefeindlichen Politik. Doch die gab es nicht, und das hat viele Menschen enttäuscht.

Niemand muss die Hymne singen

All dies lässt sich sachlich kritisieren. Leider mischen sich in die Kritik hässliche Töne. Menschen, denen die Nationalelf nicht deutsch genug ist, die prinzipiell etwas dagegen haben, dass Fußballer mit ausländischen Wurzeln für den DFB spielen, nutzen die Gunst des Moments, um ihre Abneigung zu manifestieren. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie in diesem Zusammenhang ernsthaft herauskramen, dass Özil nicht die Nationalhymne mitsinge.

Nur zur Erinnerung: Auch 74er-Weltmeister wie Paul Breitner und Wolfgang Overath sangen nicht mit. Oliver Kahn tat es auch nicht. Das Maß der Identifikation mit Team und Land ist sicher nicht an der Sangesfreude festzumachen, sondern am Einsatz auf dem Platz. Es ist jedem selbst überlassen, ob er singen mag oder nicht.

Im Sport funktioniert Integration

Manche Kritiker sprechen bei Gündogan und Özil sogar von mangelhafter Integration – was ebenfalls Unfug ist. Das Gegenteil ist der Fall: Beide sind gute Beispiele dafür, dass und wie Integration durch und im Sport funktioniert. Beide haben bewiesen, dass man in Deutschland – unabhängig von der Herkunft – mit Einsatz, Fleiß und Leistung sehr weit kommen kann. Sport ist überhaupt Motor ehrlicher Integration. In den nächsten Jahren werden viele junge Nationalspieler mit Migrationshintergrund dazu kommen. Die Besten, denn im Profifußball zählt allein die Leistung.

Gündogan und Özil sollte man nun in Ruhe lassen, damit sie ihr Bestes geben können. Für ihre Fehler sind sie genug gescholten worden. Jetzt beginnt die WM. Und, wer weiß, vielleicht kommt ihnen eines Tages doch noch eine Entschuldigung über die Lippen.